102 alt – und kein bisschen müde
13. November 2025
Seit über einem Jahrhundert geht Gertrud Anliker, Mieterin im Alterszentrum Hottingen, aktiv durchs Leben. Ihr Rezept? Widerstandskraft, Neugier und der Wille, stets etwas zu bewegen.
Gertrud Anliker wirkt wie ein Wunder der Langlebigkeit: 102 Jahre alt, geistig wach, interessiert am Weltgeschehen und völlig selbstständig im Alltag. Im Gespräch in ihrer Wohnung im Alterszentrum Hottingen zeigt sich schnell: Ihr hohes Alter ist nicht das Ergebnis eines gezielten Plans oder ausgefallener Gesundheitsroutinen, sondern vielmehr ein Nebeneffekt eines erfüllten, aktiven Lebens.
Ihre Einstellung zum Leben ist geprägt von Pragmatismus, Verantwortungsbewusstsein und einer starken inneren Präsenz. Ihre Kindheit verbrachte sie – als älteste von neun Geschwistern – während wirtschaftlich schwierigen Zeiten und lernte deswegen früh, sich anzupassen und vorauszudenken.
Die zentrale Säule ihres Lebens war Bildung. «Ich habe die Matur in zweieinhalb Jahren gemacht – neben einer Vollzeitstelle.» Danach studierte sie Medizin, emigrierte mit ihrem Mann in die USA, arbeitete unter härtesten Bedingungen in einem New Yorker Spital und kehrte nach vielen Jahren mit ihrem Mann und drei Kindern im Teenager-Alter zurück in die Schweiz, wo sie eine eigene kinderpsychiatrische Praxis eröffnete, die sie bis weit übers Pensionsalter führte. Was sie antrieb? «Ich wurde gebraucht», sagt sie schlicht. Ihre berufliche Tätigkeit war nie nur Pflicht, sondern immer auch Sinnstiftung.
Was auffällt: Sie spricht nie von «Anti-Aging» oder bewusster Gesundheitsvorsorge. Sport hat sie nie getrieben, auch wenn sie mittlerweile einmal pro Woche ins Turnen geht. Vielmehr war sie ständig beruflich und geistig aktiv. «Ich mache mir keine Sorgen über das Älterwerden», sagt sie. Nahrungsergänzungsmittel? Interessieren sie nicht. Fitnesstracker? Fehlanzeige. Hilfe braucht sie kaum – nicht aus Stolz, sondern weil sie es schlicht nicht nötig hat.
Stattdessen lebt sie bewusst, genügsam und im Einklang mit sich selbst. Ihr Ziel für die nächsten Jahre: «Lesen, verstehen, informiert sein.» Noch heute liest sie täglich drei Tageszeitungen und verfolgt Wirtschaft, Politik und internationale Entwicklungen mit wachem Interesse.
Was wir von Getrud Anliker lernen können? Gut Altern ist – neben einem gesunden Lebensstil – auch eine Frage der Haltung. Wer Verantwortung annimmt, neugierig bleibt und das Leben aktiv mitgestaltet, schafft gute Voraussetzungen.
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