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Stories

«Es geht nicht darum, ob ich helfen kann»

30. Mai 2024

lesezeit

5 min

Unser Seelsorger Sales Meier gewährt Einblicke in seine Arbeit und erzählt, wie er Patient:innen in schwierigen Zeiten unterstützt. Er spricht über Herausforderungen, den Umgang mit spiritueller Vielfalt und was ihn täglich motiviert. Lesen Sie das ganze Interview.

In welchen Momenten suchen Menschen deine Unterstützung?
Pflegekräfte und Ärzt:innen wenden sich an uns, wenn Patient:innen Gesprächsbedarf, Unruhe oder Trauer zeigen oder wenn sie merken, dass Bedürfnis nach einem Seelsorgegespräch besteht. Aber die meiste Zeit besuchen wir proaktiv Patient:innen, die länger als vier bis fünf Tage im Spital sind.

Welche Fragen treten in Vordergrund im Gespräch?
Im Zentrum des Gesprächs stehen oft Fragen nach den eigenen Werten und Prioritäten. Viele möchten verstehen, wie sie mit Einschränkungen und Abhängigkeiten leben können und welche Auswirkungen das auf sie selbst und ihr Umfeld hat. Manchmal diskutiere ich auch über eine mögliche Umschulung nach einer Operation oder über eine Vorahnung, die durch eine Krankheit zur Gewissheit wird.

Wie sieht ein Tag hier bei uns aus?
Mein Tag beginnt mit E-Mails und der Durchsicht der Patientenliste. Ich besuche Stationen und spreche mit Patient:innen. Kein Tag ist wie der andere. Das Wesentliche meines Berufs passiert im direkten Kontakt. Hier steht insbesondere das Zuhören im Vordergrund.

Wie bist du zu dem geworden, was du heute bist?
Zuerst arbeitete ich in einer technischen Position als Projektleiter bei ABB. Hier ging es einfach gesagt darum, mit Menschen Geschäfte zu machen. Irgendwann spürte ich das Bedürfnis, mich ganzheitlich mit Menschen zu beschäftigen. Es ist mir wichtig, Menschen auch innerlich zu verstehen. Die Freude am Umgang mit Menschen ist für mich grundlegend. Daher entschied ich mich für ein Studium der Theologie. Dabei merkte ich früh, dass mich die Spitalseelsorge besonders anspricht: Was bewegt die Menschen, wie leben sie? Grenzsituationen finde ich spannend und herausfordernd, das liegt wohl in meiner Natur.

Wie gehst du mit der religiösen und spirituellen Vielfalt deiner Patient:innen um?
Der Trend bewegt sich von konfessioneller Begleitung hin zu Spiritual Care. Das bedeutet, dass Menschen oft ausserhalb der Kirche und institutioneller Strukturen nach Halt und Sinn suchen. Individuelle Spiritualität setzt sich meist aus einem Mix religiöser, kultureller und ethischer Einflüsse zusammen. Jeder Mensch hat spirituelle Bedürfnisse, ob bewusst oder unbewusst, besonders in der Nähe zum Tod. Die Endlichkeit des Lebens spielt dabei eine wesentliche Rolle. Diese Trendwende finde ich spannend und bereichernd.

Auf welche Weise trägst du dazu bei, Menschen in schwierigen Zeiten zu unterstützen?
Helfen bedeutet für mich, Offenheit und Interesse an neuen Begegnungen zu zeigen. Dabei ist es wichtig, mit dem Herzen zu hören, um Vertrauen aufzubauen. Ich strahle Empathie und Verständnis aus, um den Bedürfnissen meines Gegenübers gerecht zu werden und einen offenen Raum zu schaffen. Es geht nicht darum, ob ich helfen kann oder was ich sagen oder tun sollte, sondern darum, wie ich die Geschichte des anderen aufnehmen kann. Die Patient:innen bestimmen, wie und wann sie mit mir als Seelsorger ins Gespräch kommen möchte. Durch das Erzählen findet eine Ordnung und Stärkung statt.

Welche Herausforderungen begegnen dir dabei?
Ich stelle mich fortlaufend auf neue Situationen ein. Wenn ich an die Tür klopfe, weiss ich nicht, was mich erwartet. Besonders herausfordernd sind Grenzsituationen und das Aushalten der Endlichkeit. Wenn jemand austherapiert ist oder es medizinisch keine Hoffnung mehr gibt, teilen wir gemeinsam das Gefühl der Ohnmacht. In solchen Momenten sind Ratschläge oder Vertröstungen unangebracht. Es ist wichtig, die Realität weder zu verniedlichen noch zu ignorieren. Manchmal helfen Rituale, das Unfassbare in ein grösseres Ganzes einzubetten und eine Verbindung zu schaffen. Grundsätzlich ist es hilfreich, vorbehaltslos in eine Interaktion zu gehen.

Und wie sorgst du für deine eigene seelische Gesundheit?
Ich vertraue darauf, dass mich eine Liebes- und Lebenskraft begleitet, so dass ich nicht alles selbst bewältigen muss. Oft spüre ich, dass sich im Moment mit dem Gegenüber eine stimmige Situation einstellt. Dabei erhalte ich auch etwas zurück, es entsteht etwas im direkten Moment. Das ist für mich sehr wichtig. Durch ein Gebet bei einem Besuch kann ich die Situation übergeben. Diese Praxis pflege ich auch privat durch Stille, Meditation und Präsenz. Das «Hier und Jetzt» gibt mir Kraft für den Alltag.

Gibt es ein Erlebnis, das dich besonders geprägt hat?
Es gibt viele besondere Erlebnisse in meiner Laufbahn, die mir in Erinnerung geblieben sind. Besonders prägend sind die Momente, in denen sich etwas verändert: Die Energie im Raum wandelt sich, der Patient richtet sich auf und fühlt Dankbarkeit. Es sind oft die kleinen Dinge, die mich tief berühren. Die Möglichkeit, Menschen auch innerlich kennenzulernen und sie auf ihrem Weg zu begleiten, erfüllt mich jeden Tag aufs Neue. Jeder Mensch trägt eine einzigartige Lebensgeschichte in sich, und es ist ein Geschenk, daran teilhaben zu dürfen. Mich fasziniert zudem, wie der Mensch mit der Natur, mit anderen Menschen und mit seinem eigenen Glauben verbunden ist. Diese Verbindungen zu erkunden und zu verstehen, was das Geheimnis des Lebens für jeden Einzelnen bedeutet, motiviert mich täglich in meiner Arbeit in der Seelsorge.

Meine letzte Frage: Was glaubst du, kommt nach dem letzten Stern im Universum?
Nach dem letzten Stern kehren wir zum Ursprung zurück, von dem wir alle stammen. Wir tragen den Sternenstaub in uns und bleiben mit dem Leben verbunden, auch wenn es seine Form ändert und nicht alles vergeht. Meine Überzeugung, dass etwas Feinstoffliches existiert, wird durch meine Meditationserfahrungen gestärkt. Wie Paulus sagt, besitzen wir neben unserem irdischen auch einen überirdischen Körper, den wir bereits in uns tragen.

Vielen Dank für den persönlichen Einblick in dein Schaffen. 

Lächelnder Geschäftsmann im Anzug vor unscharfem Hintergrund.

Seelsorgeteam Spital Zollikerberg
Pfr. Stefan Morgenthaler
Pfrn. Sabine Schneider
Lic.theol. Sales Meier (kath., links im Bild)

Seelsorge im Diakoniewerk
Pflegeheim Magnolia:
Pfr. Rüdiger Döls (ref.) und lic. theol. Heide Kallenbach (kath.)
Schwesternschaft:
Pfrn. Sabina Hösli und Pfrn. Helke Döls

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