Präeklampsie früh erkennen – Interview mit PD Dr. med. Anke Reitter
PD Dr. med. Anke Reitter
21. Mai 2026
4 min
Präeklampsie ist ein komplexes Krankheitsbild, das bis heute nicht vollständig verstanden ist. Klar ist jedoch: Die Erkrankung entsteht sehr früh in der Schwangerschaft und kann ernsthafte Folgen für Mutter und Kind haben.
PD Dr. med. Anke Reitter, Spezialistin für fetomaternale Medizin, gibt Antworten auf die wichtigsten Fragen und richtet den Blick dabei nicht nur auf die Behandlung, sondern vor allem darauf, wie sich Präeklampsie früh erkennen oder sogar verhindern lässt.
Was ist Präeklampsie?
Die Präeklampsie ist eine schwangerschaftsbedingte Erkrankung, die in der Regel nach der 20. Schwangerschaftswoche auftritt. In seltenen Fällen kann sie auch früher in der Schwangerschaft entstehen.
Typisch ist eine Kombination aus erhöhtem Blutdruck, Eiweissverlust über die Niere sowie einer möglichen Beteiligung weiterer Organe, insbesondere von Leber, Niere und Nervensystem. Die Nierenbeteiligung zeigt sich meist durch Eiweiss im Urin und hilft, die Präeklampsie vom isolierten Schwangerschaftshochdruck abzugrenzen.
Der Verlauf kann sehr unterschiedlich sein. Bei einigen Frauen ist die Erkrankung mild, bei anderen verschlechtert sie sich rasch. In schweren Fällen kann sie sowohl für die Mutter als auch für das Kind lebensbedrohlich werden.
Wie häufig ist Präeklampsie?
Etwa 1 von 20 Schwangeren – also rund 5 % – sind betroffen. Damit zählt die Präeklampsie zu den häufigsten relevanten Schwangerschaftserkrankungen weltweit.
Wie entsteht Präeklampsie und wer ist besonders gefährdet?
Die Präeklampsie entsteht sehr früh in der Schwangerschaft, meist im Zusammenhang mit der Entwicklung der Plazenta. Man geht davon aus, dass eine gestörte Einnistung beziehungsweise Umbildung der plazentaren Gefässe eine zentrale Rolle spielt.
Dadurch kann die Versorgung der Plazenta eingeschränkt sein, was im weiteren Verlauf eine Kaskade im mütterlichen Kreislauf auslösen kann – mit Auswirkungen auf Blutdruck, Gefässsystem und Organfunktion.
Ein erhöhtes Risiko besteht unter anderem bei Erstschwangerschaft, Mehrlingsschwangerschaft, vorbestehendem Bluthochdruck, Diabetes oder Nierenerkrankungen, starkem Übergewicht, familiärer Belastung sowie einer früheren Präeklampsie.
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Welche Symptome sollten Schwangere ernst nehmen?
Die Symptome treten in den meisten Fällen plötzlich auf und sollten immer zeitnah abgeklärt werden. Dazu gehören insbesondere plötzliche Gewichtszunahme mit Schwellungen im Gesicht und an den Händen, Kopfschmerzen, Sehstörungen wie Flimmern oder Lichtblitze, Oberbauchschmerzen, Übelkeit sowie ein deutlich erhöhter Blutdruck.
Diese Warnzeichen sollten nicht abgewartet werden, sondern umgehend medizinisch kontrolliert werden – entweder in der Frauenarztpraxis oder im Spital.
Warum ist Früherkennung so wichtig?
Die Präeklampsie ist eine der häufigsten Schwangerschaftskomplikationen und wird dennoch häufig unterschätzt. Wir wissen, dass sie sehr früh in der Schwangerschaft beginnt, auch wenn die Symptome meist erst später auftreten. Genau deshalb ist die Früherkennung so entscheidend.
Welche Möglichkeiten der Früherkennung und Prävention gibt es – vor allem bei uns im Spital Zollikerberg?
Ein wichtiger Fortschritt ist das Präeklampsie-Screening im ersten Trimester. Seit 2020 bieten wir dieses bei uns im Spital Zollikerberg und neu auch in der Frauen-Permanence Zürich gezielt an und können damit bis zu 75 % der Fälle frühzeitig erkennen.
Da die Erkrankung in dieser frühen Phase entsteht, ist dieses Zeitfenster besonders relevant für die Prävention. Bei erhöhtem Risiko kann eine frühzeitige Therapie mit niedrig dosierter Acetylsalicylsäure (Aspirin) eingesetzt werden. Studien zeigen, dass dadurch das Risiko für das Auftreten einer Präeklampsie deutlich gesenkt werden kann – insbesondere bei frühem Beginn der Einnahme.
Wie wird Präeklampsie behandelt?
Die Behandlung richtet sich immer nach Schweregrad, Schwangerschaftswoche sowie dem Zustand von Mutter und Kind. Grundsätzlich versuchen wir, die Schwangerschaft so lange wie möglich sicher fortzuführen. Dazu gehören engmaschige Blutdruckkontrollen, regelmässige Laboruntersuchungen, Ultraschall- und Dopplerkontrollen sowie die Überwachung des kindlichen Wachstums.
Bei einer Verschlechterung kann eine frühzeitige Entbindung notwendig werden. Diese Entscheidung treffen wir immer individuell und mit dem Ziel, Risiken bestmöglich zu minimieren.
Warum ist eine frühe Vorsorge so entscheidend?
Präeklampsie ist nicht vollständig vorhersehbar, aber in vielen Fällen gut beeinflussbar, wenn sie früh erkannt wird. Die Kombination aus strukturierter Vorsorge, Screening, dem Erkennen von Warnzeichen und engmaschiger Betreuung verbessert die Prognose heute deutlich.
Was möchten Sie abschliessend betonen?
Die Präeklampsie ist eine ernstzunehmende, heute jedoch gut beeinflussbare Schwangerschaftserkrankung. Entscheidend sind eine konsequente Vorsorge, das Wissen um mögliche Warnzeichen sowie eine frühzeitige medizinische Betreuung. Unser Ziel ist es, Komplikationen frühzeitig zu erkennen oder idealerweise zu verhindern und werdende Eltern in jeder Phase der Schwangerschaft bestmöglich zu begleiten.
Ein zentraler Bestandteil moderner Versorgung ist zudem die Weitergabe von Wissen an medizinisches Fachpersonal. In unserem Ultraschallkurs zum Präeklampsie-Screening schulen wir gezielt Kolleginnen und Kollegen, um Erkenntnisse zu Prävention, Diagnostik und Behandlung der Präeklampsie breit zu verankern. So soll die Früherkennung und Behandlungsqualität über alle Versorgungsebenen hinweg verbessert und eine einheitliche, hochwertige Betreuung gestärkt werden.
Wir danken Frau PD Dr. med. Anke Reitter ganz herzlich für das Gespräch und die wertvollen Einblicke.
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